Bolivien: Die Führung der COB rettet die Regierung Paz

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Am 19. Juni unterzeichnet Mario Argollo, Generalsekretär der Bolivianischen Arbeiterzentrale (COB), nach 50 Tagen Streiks, Demonstrationen, Straßenblockaden und Auseinandersetzungen mit der offiziellen Polizei und faschistischen Banden ein Abkommen über „Befriedung und Wiederaufbau des Landes“ mit der Regierung Paz (die aus dem Block PDC-Unidad besteht).
„Die Protestmaßnahmen werden auf nationaler Ebene aufgehoben, verbunden mit der Verpflichtung der Regie-rung, alles Erreichte umzusetzen … Damit kein Blut vergossen wird, wollen wir nicht, dass es zum Ausnahme-zustand kommt.“ (Mario Argollo, vision360.bo, 19. Juni)
Während die Massen des Landes den Staatschef vertreiben wollten, bleibt dieser im Amt und erreicht die Aufhe-bung der Blockaden.
Ein abhängiges Land und eine verkümmerte Bourgeoisie
Bolivien ist ein Binnenland in Südamerika mit 12,5 Millionen Einwohner*innen. Im Westen erstreckt sich ein gemäßigt temperiertes Hochplateau zwischen zwei Gebirgsketten, im Osten eine Schwemmebene mit tropischem Klima.
Die wichtigste Sprache ist kastilianisches Spanisch, doch ein bedeutender Teil der Bevölkerung spricht Aymara oder Quechua. Die Wirtschaft hing im 20. Jahrhundert weitgehend vom Export von Zinn ab, heute von Gas, Li-thium und Koka.
Der Mehrwert, der aus der Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse entsteht, wird zu einem großen Teil an aus-ländische legale und mafiöse Kapitalgruppen transferiert. Vor Ort ist die Akkumulation des Kapitals gering, so-dass die Bourgeoisie nur über eine schwache Legitimität verfügt. Sie zerfleischt sich ständig über den Grad ihrer Abhängigkeit von den imperialistischen Mächten, darüber, welcher Macht der Vorzug zu geben ist, und über die Methode, die gegenüber den wiederkehrenden Kämpfen der Massen, der Arbeiter*innen, Bäuer*innen, Stu-dent*innen, Beschäftigten des informellen Sektors und nationalen Minderheiten anzuwenden ist. Diese küm-merliche herrschende Klasse schwankt zwischen der Akzeptanz der Rolle als Lakai des Yankee-Herrn, der Versu-chung, auf den chinesischen Imperialismus zu setzen, und nationalistischer Rhetorik. Eine solche Option sichert ihr die Unterstützung der Bevölkerung sowie die Kontrolle über die Gewerkschaften der Lohnabhängigen und die Organisationen der Bäuer*innen. Doch wenn nationalistische Parteien an die Macht gelangen, unterwerfen sie sich, enttäuschen ihre Arbeiter*innen- und Bauernbasis und treiben dadurch die Entstehung einer neuen „populistischen“ Partei voran: Partido Republicano Genuino (PNG), Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR), Movimiento de la Izquierda Revolucionaria (MIR), Movimiento al Socialismo (MAS) …
Auf „demokratische“ Phasen folgen Militärjuntas (1964–1982), die gegenüber den Massen noch gewalttätiger sind als die zivilen Regierungen.
Unter dem Einfluss der Vierten Internationale übernehmen die Bergarbeiter*innen 1946 die Thesen von Pulacayo
Die Lehre aus der schrecklichen Niederlage der chinesischen Revolution von 1925–1927 besteht darin, dass der Analyse des Kapitalismus als weltweit überholter Produktionsweise – seiner imperialistischen Phase – eine Strategie der permanenten Revolution entspricht. Die Vierte Internationale lehnt jede Unterordnung des Prole-tariats unter irgendeinen Flügel der Bourgeoisie ausdrücklich ab, auch in den abhängigen Ländern.

„Die nationale Bourgeoisie der rückständigen Länder ist unfähig, die Gesellschaft auf nationalen, demokratischen … Grundlagen neu zu organisieren. Dennoch sind die demokratischen und Übergangsforderungen weiterhin ebenso gültig … Man darf den demokratischen Kampf nicht der nationalen Bourgeoisie überlassen, sondern er muss sich in einer Massensituation durch die Schaffung von Arbeiter*innen-, Bäuer*innen- und Soldatenräten ausdrücken … In diesem Kampf muss die Linie der Partei der Arbeiter*innen darin bestehen, ihre eigene Unabhängigkeit und die Unabhängigkeit der Arbeiter*innenklasse zu bewahren.“ („Die koloniale Welt und der Zweite Weltkrieg“, Mai 1940, Les Congrès de la 4e Internationale, Bd. 1, S. 419–420)

In Bolivien bilden die Bergarbeiter*innen das Herz der Arbeiter*innenklasse, verstärkt durch den Zinnbedarf der US-amerikanischen imperialistischen Armee während des Zweiten Weltkriegs. Die Gewerkschaftsföderation der Bergarbeiter*innen (FSTMB) entsteht 1944 unter der Führung von Lechín (MNR). Unter dem Einfluss von Guillermo Lora und eines Kerns der Partido Obrero Revolucionario (POR) verabschiedet sie 1946 auf ihrem Kongress von Pulacayo ein revolutionäres Programm. Die Thesen von Pulacayo wenden sich gegen die Volks-front und gegen die Unterordnung des Proletariats unter irgendeinen Sektor der Bourgeoisie, selbst unter einen, der eine antiimperialistische Rhetorik benutzt, um Arbeiter*innen, Bäuer*innen und Student*innen zu täu-schen.

„Die kapitalistische Produktionsweise ist qualitativ vorherrschend … Alle Aufgaben, die die Bourgeoisie nicht er-füllt hat, stellen bürgerlich-demokratische Ziele dar, die verwirklicht werden müssen … Der Staat ist ein mächtiges Instrument in den Händen der herrschenden Klasse … Zu behaupten, dass die bürgerlich-demokratische Revolution als solche von ‚progressiven‘ Sektoren der Bourgeoisie verwirklicht werde und dass der künftige Staat der einer Regierung der nationalen Einheit und Verständigung sein werde, zeigt eine entschlossene Absicht, die revolutionä-re Bewegung zu erdrosseln.“ („Thesen von Pulacayo“, November 1946, in: Lowy, Le Marxisme en Amérique latine, Maspero, S. 182–186)

Doch dieses Programm erwähnt weder das bolivianische Äquivalent der chinesischen Kuomintang, die MNR, die 1943 durch den Staatsstreich des Majors Villarroel erstmals an die Regierung gelangt, noch die Notwendigkeit einer Partei bolschewistischen Typs. Die POR grenzt sich gegenüber der MNR nur unzureichend ab.
1946 übernimmt der Pro-Yankee-Flügel der Bourgeoisie wieder die Macht und unterdrückt bis 1952 die Mas-sen. Die im Januar 1947 gewählten Abgeordneten der POR sitzen gemeinsam mit denen der FSTB (die weiter-hin von der MNR geführt wird) im „parlamentarischen Bergarbeiterblock“. Angesichts der scharfen Repression der Regierung schlägt die POR 1949 der Partido de la Izquierda Revolucionaria (PIR, der stalinistischen Partei, aus der 1950 die PCB hervorgehen wird) und der MNR eine „antiimperialistische Einheitsfront“ vor.
1951 fällt die Führung der Vierten Internationale in die „antiimperialistische Einheitsfront“ zurück
1948–1949 passen sich die Führer*innen der Vierten Internationale (Pablo, Mandel, Frank …) dem Stalinismus an, der seinen Höhepunkt erreicht hat und an der Spitze der Revolutionen in Jugoslawien, Vietnam und China steht.
1951 bringen sie auf ihrem „Weltkongress“ (an dem Hugo Gonzalez für die POR teilnimmt) die von Sinowjew und Radek 1922 angenommene antiimperialistische Einheitsfront (AIEF) der Kommunistischen Internationale wieder ins Spiel. Aufgrund der Tragödie der chinesischen Revolution war die AIEF aus allen programmatischen Texten der Vierten Internationale verschwunden.
Das revisionistische Internationale Sekretariat der Vierten Internationale (SIQI) stellt sich faktisch gegen die Thesen von Pulacayo. Es wirft die POR in die Arme der bürgerlichen Partei mit nationalistischer und antiimperi-alistischer Rhetorik, die opportunistisch als „kleinbürgerlich“ präsentiert wird: der Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR).

„In Bolivien dürfen sich unsere reorganisierten Kräfte nicht von den Massen und ihren Bewegungen unter klein-bürgerlicher Führung der MNR isolieren.“ („Der Kampf gegen den imperialistischen Krieg“, August 1951, Les Con-grès de la 4e Internationale, Bd. 4, S. 185)
„Im Falle einer Mobilisierung der Massen unter dem Anstoß oder dem überwiegenden Einfluss der MNR muss un-sere Sektion die Bewegung mit allen Kräften unterstützen, sich nicht enthalten, sondern im Gegenteil energisch eingreifen, um sie so weit wie möglich voranzutreiben, bis hin zur Machtübernahme durch die MNR auf der Grund-lage des fortschrittlichen Programms der antiimperialistischen Einheitsfront. Wenn dagegen unsere Sektion im Verlauf dieser Massenmobilisierungen feststellt, dass sie gemeinsam mit der MNR Einfluss auf die revolutionären Massen besitzt, wird sie die Forderung nach einer gemeinsamen Arbeiter*innen- und Bauernregierung beider Par-teien vorantreiben.“ („Resolution über Lateinamerika“, August 1951, Les Congrès de la 4e Internationale, Bd. 4, S. 291)

1952 schickt die POR Guillermo Lora nach Paris, um mit der internationalen Führung (dem pablistischen SIQI) zusammenzuarbeiten.
Seit der Revision des Programms von 1951 verwischt die sogenannte trotzkistische Bewegung (Pablist*innen, Morenist*innen, Grantist*innen, Cliffist*innen, Lambertist*innen, Healyist*innen, Lorist*innen …) die Grenze zwischen Arbeiter*innenbewegung und Bourgeoisie der abhängigen Länder, macht aus der Strategie der per-manenten Revolution einen objektiven Prozess, der keiner Partei bolschewistischen Typs bedarf, verwandelt revolutionäre Aktivist*innen in den abhängigen Ländern in bloße Druckgruppen gegenüber dem bürgerlichen Nationalismus (einschließlich des Islamismus) und überall gegenüber den Gewerkschaftsbürokratien. Sie nährt alle möglichen Illusionen in Wahlen und verfassunggebende Versammlungen, Volksfronten mit bürgerlichen Parteien, „sozialistischen“ Generälen und Obersten und sogar religiösen Fanatiker*innen. Ihr Programm ist sorg-fältig um die Punkte Selbstverteidigung, Arbeitermiliz und Aufstand gekürzt, die den Ruhm der bolivianischen Arbeiter*innenbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausmachten.
Während der Revolution von 1952 spricht sich die POR für eine MNR-COB-Regierung aus
Während die Bevölkerung mehrheitlich aus Bäuer*innen und Arbeiter*innen indigener Herkunft besteht, wird die politische Macht von den Parteien oder Generälen der „Rosca“, der Bourgeoisie der „Zinnbarone“, und den Großgrundbesitzer*innen kolonial-europäischer Herkunft ausgeübt. Frauen und Analphabet*innen dürfen nicht wählen.
Am 9. April 1952 versucht ein mit der MNR verbundener Teil der Armee einen Staatsstreich gegen die Pro-Yankee-Regierung, die die arbeitenden Massen unterdrückt. Die Bergarbeiter*innen und arbeitenden Bäu-er*innen springen in die Bresche und bilden unter Führung der POR bewaffnete Milizen, die die reguläre Ar-mee hinwegfegen.
Mit dem Beginn der bolivianischen Revolution wird am 17. April 1952 die COB gegründet, maßgeblich dank der POR. Doch diese ruft zu einer MNR-Regierung auf, also zur Regierung einer bürgerlichen Partei. In den Ge-werkschaften unterscheidet sich die POR nicht von der von Juan Lechín geführten Fraktion der bürgerlichen Partei.
Da Organe vom Typ von Sowjets (Räten) fehlen, die die Macht beanspruchen, übernimmt Paz Estenssoro (MNR) mit Unterstützung der POR die Führung des kapitalistischen Staates.

„Trotz der Illegalität wurde ein Aufruf an alle Massenparteien, unter anderem an die MNR, gerichtet, eine ge-meinsame Front des Kampfes gegen den Imperialismus zu organisieren … Unter diesen Umständen verteidigt die POR die Regierung mit allen Kräften durch die Mobilisierung der Massen.“ (Guillermo Lora, „Interview“, La Vérité Nr. 294, 17. April 1952)

Der Bonaparte gerät einerseits zwischen den Druck der mobilisierten bäuerlichen und Arbeiter*innenmassen und andererseits die Forderungen des US-Imperialismus und eines Flügels der lokalen Bourgeoisie, der aus Großgrundbesitzer*innen und vom ausländischen Kapital abhängigen Sektoren besteht. Dieser Flügel findet seinen Ausdruck in Parteien, die der MNR feindlich gegenüberstehen, wie der Falange Socialista Boliviana (Pha-lange, FSB), und in der Mehrheit des Generalstabs der Armee. Die US-Botschaft und die Geheimdienste der Ver-einigten Staaten knüpfen enge Verbindungen zu ihnen.
Die MNR-Regierung ihrerseits entwaffnet die Arbeitermilizen und reorganisiert die bürgerliche Armee (aus ihr werden unter anderem die Arbeiter*innen massakrierenden Generäle Barrientos und Banzer hervorgehen). Sie versucht, die Gewerkschaftsbewegung unter Berufung auf eine „MNR-COB-Regierung“ in den bürgerlichen Staat zu integrieren. Im Juli 1952 führt sie das allgemeine Wahlrecht ein. Im Oktober 1952 verstaatlicht sie die wichtigsten Bergbauunternehmen. Die Sitze in der Comibol, dem neuen staatlichen Unternehmen, die häufig in Dollar bezahlt werden, werden zu einem der wichtigsten Mittel zur Korrumpierung des Gewerkschaftsapparats der FSTMB und der COB.
Im August 1953 beschließt Paz Estenssoro eine begrenzte Agrarreform, um auf dem Land eine Klasse von Klein-besitzer*innen zu schaffen und damit die Arbeiter*innenklasse zu isolieren.
Die Massen unterscheiden nicht zwischen MNR und POR. Diese unterstützt Lechín und fordert, dass mehr „Ar-beiter*innen“-Minister seiner Art in der bürgerlichen Regierung vertreten sein sollen, und erweckt den Ein-druck, sie könne zu einer Arbeiter*innen- und Bauernregierung werden. Moreno treibt die Forderung so weit, dass er verlangt, die MNR-Führung der COB solle regieren.

Nahuel Moreno hat stets behauptet, er habe „alle Macht der COB“ gefordert, im Gegensatz zur Politik der POR, die sich dem linken Flügel des MNR anpasste. Doch Morenos Slogan war nur eine Variante der volksfrontlerischen Re-solutionen des 3. Kongresses und der Position einer „Regierung des linken MNR“. Im Mai präsentierte seine Zei-tung die „Forderung, dass von FSTB und COB gewählte und kontrollierte Arbeiter*innenminister in die Regierung von Paz Estenssoro aufgenommen werden“. (José Villa, La Révolution de 1952, Poder Obrero de Bolivie, Herbst 1992)

1953 spaltet sich die Vierte Internationale in zwei Teile (das pro-stalinistische SIQI und das „orthodoxe“ CIQI), ohne dass irgendeine Fraktion die Einheitsfront mit der nationalen Bourgeoisie (AIEF) infrage stellt. In Argenti-nien setzt die GOR von Nahuel Moreno, die auf dem Kongress von 1951 für alle opportunistischen Resolutionen gestimmt hatte, die antiimperialistische Einheitsfront um, indem sie sich der bürgerlich-nationalistischen Bewe-gung des Obersten Perón (PJ) anschließt. 1954 spaltet sich die POR selbst:
* eine liquidatorische Fraktion unter Führung von Möller und Lora, deren Mehrheit unter Möller sich der MNR anschließt. Lora folgt ihnen nicht und baut eine völlig von ihm abhängige POR-Masas auf, die versucht, sich in-ternational zunächst an das CIQI und nach 1971 gemeinsam mit der PO Argentiniens an das lambertistische CORQI anzulehnen, bevor sie ihre eigene internationale Gruppierung aufbaut (CERCI/CLRCI, reduziert auf einige wenige Gruppierungen in Lateinamerika). Lora stirbt 2009.
* eine Fraktion unter Gonzales bleibt dem SIQI und später dem pro-kastristischen Vereinigten Sekretariat (VS) treu. Die POR-Combate übernimmt wie das VS die Strategie des ländlichen Guerillakampfes, was dazu führt, dass die meisten ihrer Mitglieder direkt zur castristischen ELN übertreten. Die POR-Combate verschwindet voll-ständig, als Gonzales sich Morales anschließt. Gonzales stirbt 2010.
* Keine der beiden POR der 1960er- und 1970er-Jahre bricht mit der AIEF und den verbrecherischen Illusio-nen in die nationale Bourgeoisie.
1971 richtet sich die POR-Masas gemeinsam mit den Stalinist*innen auf eine Militärjunta aus
1955 verabschiedet Paz Estenssoro einen „wirtschaftspolitischen Plan“, der das Land für ausländische Kapita-list*innen öffnet. Aufgrund der damaligen Verfassung kann er bei den Präsidentschaftswahlen im Juni 1956 nicht kandidieren. Er wird durch den früheren Vizepräsidenten Siles Zuazo ersetzt (84 % der Stimmen). Ange-sichts von Inflation und Rezession verhandelt die Regierung Siles mit dem IWF und setzt einen Sparplan durch (Plan zur Währungsstabilisierung), der die Löhne einfriert und Subventionen für lebensnotwendige Güter streicht. Die MNR beginnt die Unterstützung der Volksmassen zu verlieren, die sie 1952 mit Hilfe von PIR, PCB und POR zu täuschen vermocht hatte.
1960 wird Paz Estenssoro mit 76 % der Stimmen zum Präsidenten gewählt und Lechín (MNR) zum Vizepräsi-denten. 1964 schließt Paz Lechín aus. Lechín gründet eine neue bürgerlich-nationalistische Partei, die PRIN. Paz wird mit General René Barrientos als Vizepräsident wiedergewählt. Die MNR-Regierung unterdrückt gewaltsam den dreitägigen Streik, zu dem Lechín und die COB-Führung aufgerufen haben. Die Generäle Barrientos, Ovan-do und Banzer stürzen den gewählten Präsidenten mit Unterstützung der CIA. Lechín billigt den Militärputsch.
Die Junta verkündet einen „Pakt zwischen Militärs und Bäuer*innen“, indem sie indigene Kaziken korrumpiert. Sie errichtet die erste Zinnhütte im Land (das Erz wurde bis dahin im Ausland verhüttet). Der ehemalige MNR-Mann Barrientos, der Quechua spricht, wird 1966 mit mehr als 66 % der Stimmen gewählt, mit Unterstützung von PIR und PRA, einer Abspaltung des MNR. Barrientos schickt Lechín ins Exil, unterdrückt die Arbeiter*innen im Juni 1967 blutig (Massaker von San Juan) und ermordet zahlreiche Aktivist*innen der PCB und der POR. Mit Hilfe der US-Regierung Johnsons (Demokratische Partei) fängt und ermordet der Armeechef Ovando im Oktober Che Guevara, dessen Guerilla (die von der POR-Combate unterstützte ELN) bei den Bäuer*innen keine Unter-stützung gefunden hat.
Präsident Barrientos stirbt im April 1969 bei einem Unfall. Im September stürzt General Ovando die legale Re-gierung und setzt die Repression gegen die Arbeiter*innen aus. Er kündigt die Verstaatlichung des US-amerikanischen Erdölkonzerns Gulf Oil (heute Chevron) gegen Entschädigung an. Die PRIN-Führung der COB kommt aus dem Untergrund und ruft „Offiziere, Priester, Freiberufler*innen, Bäuer*innen und Arbeiter*innen“ dazu auf, eine „antiimperialistische Einheitsfront“ zu bilden. Im Januar 1970 erklärt Generalstabschef Juan José Torres, da weder die Bourgeoisie noch das Proletariat stark genug seien, falle der Armee die Aufgabe zu, das Land gegen den Imperialismus zu verteidigen. In der Bergarbeiter*innenföderation bildet die POR-Masas einen Block mit der stalinistischen Partei PCB. Die POR-Combate ruft die Bergarbeiter*innen dazu auf, sich wie 1952 zu bewaffnen. Im April lässt die Bürokratie der COB auf ihrem 4. Kongress mit gemeinsamer Unterstützung von PCB und POR-Masas die „Revolution in Etappen“ des weltweiten Stalinismus beschließen (zunächst eine Volks- und antiimperialistische Revolution, später, sehr viel später, eine sozialistische Revolution). Im September 1970 schlägt die Armee den zweiten Guerillaversuch der ELN nieder.
Im Oktober 1970 stürzt General Miranda, unterstützt von der Phalange (FSB), Ovando. Die COB ruft zum Gene-ralstreik gegen den Putsch auf. PCB, PCB (ML), PS und die POR-Masas von Lora rufen gemeinsam mit PRIN und einer Fraktion des MNR zu einer „antiimperialistischen Volksregierung“ auf und bilden untereinander eine Volksfront, das Comando Politico CP (Politisches Kommando). General Torres vertreibt Miranda. Er freut sich darüber, die „Einheit der Streitkräfte“ (sic!) bewahrt zu haben. Er ernennt General Reque, der die Operationen gegen die Guerilla geleitet hatte, zum Generalstabschef und belässt Banzer, der von der US-Armee ausgebildet wurde, an der Spitze der Militärakademie. Die Volksfront CP unterstützt die Junta. Die POR-Combate prangert die Illusionen in die bürgerliche Armee an … und stellt ihnen die Guerilla entgegen. Im Januar 1971 versucht General Banzer, Torres zu stürzen. Bergarbeiter*innen bewaffnen sich. Banzer wird freigelassen, und Torres weigert sich, den Arbeiter*innen und Student*innen, die sich ihnen anschließen, Waffen zu geben. Er fordert sie auf, der Armee zu vertrauen.
Die bürgerlich-nationalistische Führung der COB, die PRIN, beruft eine nicht gewählte „Asamblea Popular“ (Volksversammlung) ein. Eine Organisation arbeitender Bäuer*innen (Bloque Independiente Campesino) wird kooptiert. Die POR-Masas verwandelt die Volksversammlung in eine „antiimperialistische Front mit sowjeti-schen Merkmalen“ (das heißt, identisch mit den Arbeiter*innen-, Soldaten- und Bauernräten der Russischen Revolution), in ein „Machtorgan der Massen und der Arbeiter*innenklasse“, das „die Tätigkeit der Regierung überwacht“. Doch wenn die Volksversammlung ein sowjetisches Organ wäre, würde sie von den kämpfenden Massen gewählt und müsste eine bürgerliche Regierung nicht „überwachen“, sondern ersetzen. Nach Ansicht des Führers der POR-Masas wäre es „Wahnsinn“, eine Arbeiter*innenregierung zu fordern. Seine Sekte wendet sich gegen die Teilnahme der POR-Combate an der Volksversammlung, obwohl ein Sowjet ein Arbei-ter*innenparlament ist, ein Ort der demokratischen Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen von den kämpfenden Massen anerkannten Parteien.
Tatsächlich dient die Volksversammlung aufgrund der Unfähigkeit und Dummheit der reformistischen Füh-rer*innen und der bürgerlichen demokratischen Schwätzer*innen dazu, die Massen abzulenken, die ohne Waf-fen und ohne Organe der Selbstorganisation bleiben. Sie tritt am 21. Juni 1971 und anschließend am 2. Juli mit Erlaubnis der Junta unter dem Vorsitz von Lechín in den Räumlichkeiten des Parlaments zusammen, ohne je-mals zu handeln oder gewählt zu werden. Diskutiert wird vor allem über die Verstärkung der Präsenz der Ar-beiter*innen in der Comibol – eine reformistische Illusion, die Lora teilt. Die letzte Entscheidung der Volksver-sammlung besteht darin, ihre Beratungen für zwei Monate bis zum 7. September auszusetzen.
General Banzer wartet nicht. Im August 1971 greift mit Unterstützung der US-Regierung Nixon (Republikani-sche Partei), der FSB und der MNR (weiterhin geführt vom ehemaligen Präsidenten von 1952, Paz Estenssoro) sowie einem Teil der Armee die Regierung und vor allem die Hochburgen der Arbeiter*innen an. Lechín erklärt den Massen, der Putsch werde sich nicht ausweiten, da die Armee Torres treu bleiben werde. Bergarbei-ter*innen und Student*innen verlangen Waffen, doch Torres verweigert sie ihnen. Die Aktivist*innen beider POR (Masas und Combate) führen mutig den Gegenangriff, doch das reicht nicht aus. Bis zuletzt setzt die POR-Masas ihre Hoffnungen auf einen General der bürgerlichen Armee, einen Bonaparte.

„Im Oktober 1970 dachten alle – einschließlich wir Marxist*innen –, dass die Waffen von der damals regierenden militärischen Führung ausgegeben würden.“ (Guillermo Lora, „Die Konterrevolution vom August 1971“, La Corres-pondance internationale, März 1972, S. 5)

Führer*innen, die Vertrauen in Generäle der bürgerlichen Armee haben, sind keine Marxist*innen. Statt ihre Fehler angesichts der Ereignisse von 1952 und 1971 zu korrigieren, führen Lora und Gonzales die POR-Masas und die POR-Combate in eine neue Volksfront, die Revolutionäre antiimperialistische Front (FRA), gemeinsam mit ELN, PCB, PS, aber auch General Torres, PRIN und MIR.
Der konterrevolutionäre Terror dauert in Bolivien bis 1982. Auf dem gesamten Subkontinent arbeiten die Ge-heimdienste Boliviens, Chiles, Argentiniens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays gemeinsam mit der CIA der Vereinigten Staaten daran, Arbeiter*innenaktivist*innen zu ermorden („Operation Condor“).
2005–2019 beweist die MAS erneut die Ohnmacht der nationalen Bourgeoisie
Lateinamerika erlebt von 2003 bis 2012 eine durch die chinesische Nachfrage getriebene wirtschaftliche Ent-wicklung. Davon profitieren die PJ Argentiniens (Erbe der PT-PJ des Obersten Perón) und die PSUV Venezuelas (gegründet vom Obersten Chávez), die zeitweise den sozialen Frieden sichern. In Bolivien wird 2005 Evo Mora-les, der erste indigene Präsident, an der Spitze der MAS (einer bürgerlich-nationalistischen Partei bäuerlichen Ursprungs) gewählt. Die Gaseinnahmen ermöglichen eine Umverteilung der Einkommen, ohne das Privateigen-tum wirklich anzutasten. Die Einnahmen aus den Exporten nach Brasilien, Argentinien, Indien und China fül-len die öffentlichen Kassen, während der Aufschwung von Handel und informeller Wirtschaft die Städte umge-staltet.
Der Bonaparte versucht, die soziale Basis des bürgerlichen Staates zu verbreitern, indem er den traditionellen Anbau von Koka legalisiert, Zugeständnisse an indigene Kulte und Stammesführer*innen macht und kleine Bergbauunternehmen zulässt, die als „Kooperativen“ präsentiert werden, von jeder Gewerkschaft befreit sind und von ökologischen Auflagen entbunden werden. 2008 verspricht Morales, Lithium (20 % der weltweiten Reserven) national auszubeuten. Das staatliche Unternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) scheitert jedoch.
Während der Weltwirtschaftskrise von 2009 schwächen der Rückgang der Rohstoffpreise und der weltweiten Nachfrage, der daraus folgende Einbruch der Steuereinnahmen und die Verknappung der Devisen den bürger-lichen Nationalismus in mehreren lateinamerikanischen Staaten, darunter Bolivien. Im Mai 2013 unterdrückt die Regierung Morales-García Linera die nach einem Aufruf der COB streikenden Lohnarbeiter*innen. Die MAS organisiert eine Gegendemonstration „zur Verteidigung der Demokratie“, wobei sie sich auf von ihm kontrollier-te Bäuer*innenorganisationen und Nachbarschaftsvereinigungen stützt.
2019 wird Morales abgesetzt, die aus dem Putsch hervorgegangene Regierung unterdrückt die Massen und die MAS zerbricht. (Siehe unsere Erklärung: https://www.revolucionpermanente.com/espanol/2020/01/02/en-nombre-de-la-biblia-golpe-de-estado-proimperialista-en-bolivia/)
Luis Arce (MAS), 2020 gewählt, schließt 2024 mehrere Verträge mit der chinesischen Gruppe Hong Kong CBC über zwei Anlagen zur Herstellung von Lithiumkarbonat sowie mit dem russischen Unternehmen Uranium One Group, einer Tochtergesellschaft von Rosatom, über eine dritte Anlage. Die Parlamentswahlen von 2025 been-den die Hinwendung zum chinesischen Imperialismus und führen Bolivien wieder in die US-amerikanische Einflusssphäre.
Die LOR im Schlepptau des Bonapartismus
Ohne aus den Lehren der Volksversammlung von 1971 gelernt zu haben, fordert die mit der argentinischen PTS verbundene LOR vom bolivianischen Bonaparte eine verfassunggebende Versammlung. Um radikal zu wirken, fügen die Morenist*innen das Adjektiv „revolutionär“ hinzu – ein Adjektiv, das das Programm der Vierten Inter-nationale 1938 für das von Großbritannien kolonialisierte Indien oder das von den imperialistischen Groß-mächten zerschlagene und beherrschte China nicht benötigte.

„Gas verstaatlichen, durch eine revolutionäre verfassunggebende Versammlung. Die COB, CSUTCB, FEJUVE und COR von El Alto, die FSTMB und andere kämpfende Organisationen sollen zu einer einzigen Sache aufrufen: zur Volksversammlung, jetzt!“ (LOR, lorci.org, Juni 2005)

Die morenistische List ändert nichts: Eine Nationalversammlung oder verfassunggebende Versammlung, unab-hängig von ihrer Bezeichnung, besitzt in Ländern, in denen Wahlen und Mehrparteiensystem bestehen, keiner-lei progressive Bedeutung. Sie ist eine Schlinge um den Hals des Proletariats, wie Tunesien, Chile und Bolivien zu Beginn des 21. Jahrhunderts beweisen.
Morales beruft eine verfassunggebende Versammlung ein, die 2006–2007 einen Verfassungsentwurf ausarbei-tet, der 2009 einem Referendum vorgelegt wird. Die LOR unterstützt die bürgerliche Ablenkung und die Flick-schusterei am bürgerlichen Staat.

„Viele Arbeiter*innen in Stadt und Land vertrauen dem MAS. Deshalb sind wir bereit, gemeinsam die politischen Rechte und die legitimen demokratischen Bestrebungen der Arbeiter*innen zu verteidigen – etwa die Forderung nach einer freien und souveränen verfassunggebenden Versammlung –, gegen jeden Versuch, sie weiter einzu-schränken oder zu umgehen.“ (LOR, estrategiainternacional.org, 5. Oktober 2005)

Die loristische Sekte (POR) kritisiert ihren morenistischen Konkurrenten (LOR) chauvinistisch als aus dem Aus-land stammend und unterstützt die Bewegung der Polizist*innen gegen die populistische Regierung, als hande-le es sich dabei um die Arbeiter*innenklasse.

„Polizist*innen, wartet nicht bis zum Ende der einmonatigen Frist. Beginnt jetzt!“ (Masas Nr. 2310, 17. Mai 2013)

Die Täuschung durch die allgemeinen Wahlen von 2025
Im August 2025 erreichen die Kandidat*innen der drei wichtigsten proimperialistischen bürgerlichen Parteien (PDC, Libre, Unidad) im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen zusammen 78 % der abgegebenen Stim-men.
Im Wahlkampf gegenüber Jorge Quiroga (vom Block Alianza Libre, dem auch die MNR angehört) sparen PDC und Paz nicht mit der üblichen Demagogie bürgerlicher Wahlkämpfer*innen. Paz gewinnt Wähler*innen, die von Morales und der diskreditierten und gespaltenen MAS enttäuscht sind. Die PDC, eine weniger strukturierte Partei als ihre Rivalen, verspricht, dem Drogenhandel und der Korruption ein Ende zu setzen, die sozialen Er-rungenschaften zu erhalten und einen „Kapitalismus für alle“ zu schaffen. Kandidat für das Amt des Vizepräsi-denten ist Hauptmann Edmand Lara, der durch seine Enthüllungen über die Korruption in der Polizei populär geworden ist.
Im Oktober 2025 wird das Duo im zweiten Wahlgang gewählt, nachdem der Kandidat einer anderen bürgerli-chen Partei, Unidad, der im ersten Wahlgang den dritten Platz erreicht hatte, zugunsten von Paz zurücktritt.
Kaum an der Macht, beruhigt Paz die herrschende Klasse. Auf dem Unternehmerforum „Bolivien für die Welt, die Welt für Bolivien“ garantiert er, dass er den Extraktivismus fortsetzen wird (Export von Lithium und Gas) und dass der Staat Vorschriften und Sozialausgaben abbauen wird. Da er keine absolute Mehrheit im Parlament besitzt, stützt er sich auf einen Block aus PDC und Unidad. Vizepräsident Lara widersetzt sich dem.
Mit Erlaubnis von Paz kehren die US-amerikanische DEA und CIA in die Heimatregion von Morales, den Chapare, zurück, aus der sie 2008–2009 vertrieben worden waren. Die Abschaffung der Treibstoffsubventionen durch das Dekret 5503 vom 17. Dezember 2025 führt zu einem Anstieg des Benzinpreises um 86 % und des Dieselpreises um 160 %. Bergarbeiter*innen, Lehrer*innen, Beschäftigte im Transportwesen, Beschäftigte des öffentlichen Sektors, Bäuer*innen und indigene Bevölkerungsgruppen beteiligen sich an Demonstrationen, Streiks und Straßenblockaden …
Doch die Arbeiter*innenklasse übernimmt nicht die Führung der halb ausgebeuteten Klassen wie 1952 und 1971. Sie ruft keinen Generalstreik aus, bringt keine Sowjets auf nationaler Ebene hervor und bewaffnet sich kaum.
Die Bürokrat*innen verhandeln mit der Regierung, die die Massen vertreiben wollen
Der von der COB-Führung auf der „offenen Versammlung“ am 1. Mai angekündigte Generalstreik wird nie um-gesetzt. Im am folgenden Tag veröffentlichten 16-Punkte-Text der Gewerkschaftsbürokratie ist davon keine Rede mehr.
Da sie weder durch eine revolutionäre Partei noch durch Selbstorganisation behindert werden, die auf einige Stadtviertel von El Alto beschränkt bleibt, können die Führer*innen der COB am 4. Mai einen auf einen einzigen Tag begrenzten Aktionstag ausrufen. Die Gewerkschaftsbürokratien (COB …), die bäuerlichen Organisationen (CSUTCB …) und ein großer Teil der Nachbarschaftskomitees (FEJUVE) zerstreuen die Kampfbereitschaft durch getrennte Demonstrationen, Straßenblockaden ohne organisierte Selbstverteidigung und 24-Stunden-Streiks, die zu unterschiedlichen Terminen ausgerufen werden: die Beschäftigten des Straßenverkehrs und der öffentli-chen Krankenhäuser am 6. Mai, die Grundschullehrer*innen am 11. Mai, die Bergarbeiter*innen staatlicher Unternehmen am 11. Mai, diejenigen privater Unternehmen am 14. Mai … Einige Streiks werden verlängert, bleiben aber zersplittert, und die Basis kann keinen Generalstreik bis zur Durchsetzung ihrer Forderungen er-zwingen.
Straßenblockaden sind eine typische Kampfform des Kleinbürgertums. Selbstständige können die Arbeit nicht kollektiv gegen einen Unternehmer einstellen, da sie gleichzeitig Unternehmer*in und Arbeitskraft sind (häufig gemeinsam mit Familienangehörigen). Die Regierung versucht, die Verknappung auszunutzen, unter der vor allem die indigene Bevölkerung entlegener Gebiete und die Einwohner*innen von El Alto leiden. Unterstützt von den großen Medien versucht sie außerdem, den Aufstand zu diskreditieren, indem sie ihn mit Morales und dem Drogenhandel in Verbindung bringt. Das gelingt ihr teilweise: Bergarbeiter*innen der Zinngrube Huanuni, die in technische Arbeitslosigkeit versetzt wurden, verlangen am 18. Mai von der COB, zur Aufhebung der Blo-ckaden aufzurufen.
Am 10. Mai unterzeichnet die COB einen volksfrontlerischen Pakt mit der indigenistischen Bewegung Ponchos Rojos und dem Senator Condori von der bürgerlichen Partei Unidad. Von einem Generalstreik ist selbstverständ-lich keine Rede, vielmehr wird erklärt, dass die COB nichts unterschreiben werde, solange Paz Präsident ist. Ein Flügel der Bürokratie (die Gewerkschaftsapparate von Santa Cruz, Cochabamba, Tarija …) hält das für eine zu weitgehende Forderung.
Die Regierung PDC-Unidad verliert keine Zeit
* Am 5. Mai schließt die Regierung einen Pakt mit den Transportkapitalisten von La Paz (wo es nur wenig öffent-lichen Verkehr gibt) und Santa Cruz.
* Am 6. Mai erklärt sich die Regierung bereit, den Treibstoffpreis für Taxis zu senken.
* Am 6. Mai schließt die nationale Führung der wichtigsten Bauernorganisation, der CSUTCB, nach dem „indi-genen Marsch“ vom 4. Mai ein Abkommen mit dem Präsidenten, der sich verpflichtet, den Wortlaut des Gesetzes 1720 zu überprüfen.
*Am 14. Mai werden der Polizei zusätzliche Vergünstigungen gewährt, um ihren Eifer bei der Repression gegen die kämpfenden Massen sicherzustellen. An diesem Tag zerstreut sie die Arbeiter*innendemonstration auf der Plaza Murillo in La Paz. Von da an sind es die indigene Bauernschaft und die Beschäftigten des informellen Sek-tors von El Alto (der riesigen armen Vorstadt oberhalb der Hauptstadt), die sich weiterhin massenhaft gegen die Regierung Paz stellen. Am 15. Mai schließt der Apparat der Nationalen Föderation der Bergbaukooperativen (Fencomin), die kleine Unternehmen zusammenfasst, die von Steuern befreit sind, die Gewerkschaftsbildung verbieten und die Umwelt verschmutzen, ein Abkommen mit dem Wirtschaftsminister. Die Beitragsrückstände der Goldabbaukooperativen gegenüber der Sozialversicherung (CNS) in Höhe von 95 Millionen Bolivianos (et-wa 7 Millionen Euro bzw. 8 Millionen US-Dollar) werden erlassen. Die Fencomin stellt ihre Demonstrationen ein.
„Was wir anstreben, ist, dass das Land wieder arbeitet.“ (Gabriel Espinoza, Wirtschaftsminister, 15. Mai)
* Am 16. Mai schließt die Führung der COB von El Alto einen Kompromiss mit der Regierung und schließt sich der nationalen Bewegung nicht an.
* Am 16. Mai unterzeichnet die Führung der CTEUB, der Bildungsföderation der COB, mit dem Bildungsminis-ter ein Abkommen über eine jährliche Prämie von 2.400 Bolivianos (208 US-Dollar, 180 Euro).
* Am 12. Juni unterzeichnet die Führung der CGTFB, die die Gewerkschaften der verarbeitenden Industrie in-nerhalb der COB zusammenfasst, ein Abkommen mit Paz.
* Am 17. Juni unterzeichnen die Führer*innen der wichtigsten Gewerkschaft der COB, derjenigen des staatli-chen Zinnbergwerks Huanuni, ein Abkommen über eine Prämie von 5.000 Bolivianos (434 US-Dollar, 370 Eu-ro). Der Präsident verpflichtet sich, dieses Unternehmen nicht zu privatisieren, und der Vertreter der Bergarbei-ter*innen rechtfertigt dies folgendermaßen:
„Jetzt mehr denn je müssen wir für die Befriedung des Landes arbeiten, die Koordinierung zwischen den ver-schiedenen Sektoren stärken und auf die Versorgungsbedürfnisse reagieren, denen sich die Bevölkerung ge-genübersieht.“ (Omar Choque, 18. Juni)
* Am 18. Juni unterzeichnen die Mitglieder der Gewerkschaft der Bergarbeiter*innen von Colquiri ein ähnliches Abkommen.
* Am 19. Juni unterzeichnet die nationale Führung der COB mit dem Präsidenten.
* Am 19. Juni besteht noch die Hälfte der ursprünglich rund hundert Straßenblockaden. Am 20. Juni verhängt die Regierung eilig den Ausnahmezustand. Am 23. Juni zerstreuen Armee und Polizei die letzten Blockaden. Am 5. Juli wird Vicente Salazar, Führer der Bauernorganisation Tupac Katari, verhaftet.
Der frühere Präsident Morales (MAS), den Paz beschuldigt, die Unruhen angezettelt zu haben, erklärt, er habe niemals Straßenblockaden gewollt, und fordert Neuwahlen innerhalb von 90 Tagen.
Die Bürokratie wird für ihre Mäßigung schlecht belohnt. Am 13. Juli schafft das Oberste Dekret 5654 den auto-matischen Abzug der Gewerkschaftsbeiträge vom Lohn ab, der durch das Gesetzesdekret 07204 von 1965 zur Finanzierung des Gewerkschaftsapparats eingeführt worden war.
53 Tage lang haben die Arbeiter*innenklasse, die Arbeiter*innen und die armen Bäuer*innen den bürgerlichen Staat herausgefordert, ohne über eine revolutionäre Partei zu verfügen. Doch wie haben die Organisationen gehandelt, die sich auf Marx, Engels, Lenin und Trotzki berufen?
POR, LOR und MST kapitulieren vor den Gewerkschaftsbürokratien
Derzeit beziehen sich drei Organisationen auf die ehemalige Vierte Internationale (1933–1951): die Partido Obrero Revolucionario-Masas (loristische POR), die Liga Obrera Revolucionaria (morenistische LOR), die mit der argentinischen PTS verbunden ist, und das Movimiento Socialista de los Trabajadores (morenistische MST), die mit der argentinischen MST verbunden ist. Sie haben jedoch keinerlei Absicht, sich zu einer demokratischen Partei auf der Grundlage ihres Programms zu vereinigen. Im Gegenteil: Sie streiten umso erbitterter miteinander, als sie dieselbe Revision des Programms, denselben Opportunismus gegenüber dem bürgerlichen Nationalis-mus, dieselbe Anpassung an die Gewerkschaftsbürokratien und denselben pazifistischen Kretinismus teilen.
Die LOR hat als „Programm“ einen als „Antikapitalismus“ und „Addition der Kämpfe“ getarnten Reformismus, der den Kampf gegen die Gewerkschaftsbürokratien, die bürgerlich-nationalistischen Führungen und die re-formistischen Parteien „vergisst“, der die Bewaffnung der Arbeiter*innen, den Aufstand und die Diktatur des Proletariats „vergisst“.

„Man muss sich auf die Perspektive großer sozialer Erschütterungen vorbereiten, die durch die weltweite kapita-listische Krise genährt werden, indem man die bewussten Kräfte des antikapitalistischen Kampfes organisiert … indem man alle sozialen Bewegungen der Unterdrückten, der Volksbewegungen, der Ökolog*innen und Femi-nist*innen zur Einheit aufruft, damit sie sich um eine gemeinsame Sache scharen, um gemeinsam mit der Arbei-ter*innenklasse in allen Ländern diesem verfallenden System ein Ende zu setzen.“ (Palabra Obrera, Juni 2013)

Im Juni 2026 verrät die Führung der COB nach Meinung der PTS, die die LOR anleitet, nicht – sie zögert ledig-lich.

„Die Führung der COB scheint zu zögern, die notwendigen Mittel zur Organisierung des Generalstreiks einzusetzen, und verfolgt eine Strategie der Abnutzung.“ (Matías Maiello & Josefina Martínez, „Die strategischen Lehren aus der bolivianischen Rebellion und die organische Krise in Lateinamerika“, 9. Juni)

Doch „Aktionstage“ auszurufen und mit der Regierung Paz zu verhandeln, hat nichts mit einer „Strategie der Abnutzung“ der Regierung zu tun. Es handelt sich um weltweit bekannte Manöver, um die Kampfbereitschaft der Arbeiter*innen zu zermürben, den Generalstreik zu sabotieren und jedes Risiko einer Lähmung des nationa-len Kapitalismus, jedes Risiko einer sozialen Revolution, abzuwenden.
Bei solchen Lehrer*innen ist es nicht verwunderlich, dass die LOR sich auf die Gewerkschaftsführung verlässt.
„Die Führung der COB muss endlich den am 1. Mai vergangenen Jahres beschlossenen Generalstreik umsetzen und ihre Rolle als Führung und Koordinatorin des Kampfes wahrnehmen, der sie sich bisher ständig entzieht.“ (LOR, re-volutionpermanente.fr, 12. Juni)
Die POR hat weiterhin die „revolutionäre antiimperialistische Front“ von 1971, die „Einheitsfront der unter-drückten Nation zur Befreiung des Landes vom Imperialismus“ (Masas Nr. 2885, 10. Juni, S. 8), zum Programm. Heute dient die POR als „radikale“ Krücke der COB-Führung. Ihre Zeitung erwähnt die offene Versammlung der COB vom 1. Mai, die den Generalstreik forderte, nicht. Die POR ist weitgehend in den Gewerkschaftsapparat im Bildungswesen integriert und unterstützt den Aktionstag, der sich dem Generalstreik gegen die Regierung ent-gegenstellt.

„Der Vorsitzende der städtischen Lehrer*innen von La Paz, José Luis Álvarez, bestätigte, dass der 24-Stunden-Streik für diesen Montag, den 11. Mai, auf nationaler Ebene feststeht.“ (unitel.bo, 10. Mai)

Zur Rechtfertigung beruft sich die POR weiterhin auf folgende Argumentation. Nach Ansicht der POR ist nicht die korrupte Bürokratie für die Niederlage verantwortlich, sondern die Massen.

„Die Führung der COB, die sich der Bauernbewegung angeschlossen hat, hat nicht die Macht, zu entscheiden, den Konflikt an den Verhandlungstisch zu bringen, wie es mehrere COD fordern, ganz einfach, weil die Bauernbewegung in diesem Kampf den Ton angibt.“ (Masas Nr. 2886, 17. Juni, S. 8)

Das MST behauptet, die bürokratisierte und verräterische Konföderation sei ein Sowjet, ein Organ der Doppel-macht.

„Die COB ist nicht mehr nur eine einfache Gewerkschaft, sondern wird zu einem Organ der Doppelmacht … Es ist die Pflicht ihrer derzeitigen Führer*innen, die Doppelmacht zum Sieg zu führen. Das bedeutet die Regierung der COB und der kämpfenden bäuerlichen und Volksorganisationen. Die konkrete Allianz, die sich an der Spitze der COB ge-bildet hat, muss regieren.“ (MST Bolivien, 20. Mai)

Die Opportunist*innen unterschlagen die Frage der Selbstverteidigung und der Bewaffnung, die Bildung von Volkskomitees an der Basis, die regional und national durch gewählte und jederzeit abwählbare Delegierte ko-ordiniert und zentralisiert werden.

„Solange der Kapitalismus existiert, ist die gewaltsame Unterdrückung der Arbeiter*innenbewegung eine latente Gefahr … Um die faschistischen Banden und Streikbrecher zurückzuschlagen, schmieden wir ordnungsgemäß be-waffnete Arbeiter*innenstreikposten … Das Entscheidende ist, den Arbeiter*innen der Basis beizubringen, dass sie sich gegen die bis an die Zähne bewaffnete Bourgeoisie bewaffnen müssen.“ (Thesen von Pulacayo, November 1946, Masas, 1980, S. 25)

Die Bewaffnung der kämpfenden Massen und die Schaffung von Sowjets sind die einzigen Mittel, um die Füh-rung der COB zu über-flügeln und Paz zu ersetzen – nicht durch einen anderen Vertreter der Bourgeoisie, son-dern durch eine Arbeiter*innen- und Bauernregierung.
Eine einheitliche und demokratische Partei zur Umsetzung der Thesen von Pulacayo und zur Bewaffnung der Arbeiter*innen!
Mehrfach stützte sich eine bolivianische Avantgarde auf die lokalen und internationalen Erfahrungen der Arbei-ter*innenklasse, um den Aufbau einer Partei bolschewistischen Typs zu versuchen: die POR 1949, die Leninisti-sche Fraktion der POR 1954 … Diese Kerne degenerierten oder verschwanden – Opfer der erbarmungslosen Repression und des Verschwindens jedes gemeinsamen internationalen kommunistischen Zentrums
Dagegen hat in der heutigen Arbeiter*innenbewegung keine Organisation die Lehren aus der Revision des Pro-gramms durch die Führung der Vierten Internationale 1951 und aus der Unfähigkeit der POR, sich 1952 von der nationalen Bourgeoisie abzugrenzen, gezogen. Keine Organisation hat die Lehren aus der Degeneration der aus der POR hervorgegangenen Organisationen gezogen, obwohl diese vor dem verrotteten Apparat der COB kapituliert und sich einer Volksfront angeschlossen haben.
Statt daraus die Lehren zu ziehen, wiederholen die Gruppen, die sich heute auf den Trotzkismus berufen, ihre katastrophalen Illusionen in die korrupten Bürokratien der COB und der Bauernorganisationen.
Schlimmer noch: Der wachsende Einfluss des Quasi-Reformismus der argentinischen morenistischen Strömung führt dazu, dass der revolutionäre Aspekt der Politik, den die POR 1952 noch bewahrte, ausgelöscht wird: die Selbstverteidigung der Massen, die Arbeiter*innen- und Bauernmiliz, der Arbeiter*innen- und Bauernaufstand.
Das bolivianische Proletariat verdient mehr als die Vervielfachung konkurrierender Sekten ohne innere Demo-kratie, die allesamt gleichermaßen opportunistisch sind. Um den Kapitalismus zu stürzen, braucht es eine einzi-ge bolschewistische, demokratische und internationalistische Partei, die auf dem Programm der Kommunisti-schen Internationale und demjenigen der Vierten Internationale basiert. Um Verrat zu verhindern und die mit den Ausbeuter*innen verbundenen korrupten Bürokrat*innen zu vertreiben, braucht es eine einzige klassen-kämpferische Gewerkschaftstendenz in der COB und ihren Gewerkschaften, den Nachbarschaftskomitees, den Organisationen der arbeitenden Bäuer*innen, der Arbeiterinnen, Student*innen …
So werden die Thesen von Pulacayo von 1946 triumphieren:
* Raus mit der US-Armee, der CIA und der DEA! Annullierung der Schulden beim IWF und beim ausländi-schen Bankkapital!
* Bruch der Arbeiter*innen-, Bauern-, indigenen und Student*innenorganisationen mit der kapitalisti-schen Regierung und der gesamten angeblich demokratischen oder antiimperialistischen Bourgeoisie!
* Demokratie in den Gewerkschaften, Bauern-, Student*innen-, Frauen- und indigenen Organisationen! Unabhängigkeit vom bürgerlichen Staat, unabhängig davon, welche Regierung vorübergehend an seiner Spitze steht! Bezahlung der hauptamtlichen Funktionär*innen auf dem durchschnittlichen Lohnniveau der Arbeiter*innen ihres Sektors!
* Offene Versammlungen in Fabriken, Bergwerken, im Transportwesen, in Stadtteilen, Gymnasien, Univer-sitäten und bäuerlichen Gemeinschaften! Wahl jederzeit abwählbarer Delegierter in lokale Sowjets und in einen nationalen Sowjet!
* Arbeiter*innenkontrolle über Handel, Banken, Transportunternehmen, Bergwerke und die gesamte Industrie! Verstaatlichung der Latifundien und Großunternehmen ohne Entschädigung oder Rückkauf!
* Organisierung von Soldatenkomitees durch die Arbeiter*innenbewegung zur Verbrüderung mit den kämpfenden Massen! Auflösung der Repressionskräfte! Arbeiter*innen- und Bauernmilizen! Bewaffneter Aufstand!
* Arbeiter*innen- und Bauernregierung! Sozialistische Föderation Lateinamerikas!